Projekt be-online und das Wissen im Lernprozess

Wissen wird im Rahmen subjektorientierter Lernberatung als kontextgebundenes Wissen verstanden, das als Wissen in der Lernberatung selbst Gegenstand der Reflexion wird. Wissen war bisher immer die Lösung und die Pädagogik die Erlösung bringende Institution. Wissen wird heute in der Wissensgesellschaft eher zum Problem und damit reflexiv. Wissen ist nicht mehr nur einfach Voraussetzung für gesellschafltiches Handeln, sondern selbst Gegenstand der Reflexion (vgl. Nassehi 2000a, S.8). Wissen ist in dieser Fassung "die reflektierte Form des Zugangs zur Welt, die von sich weiß, daß es der unsichtbare Filter ist, durch den die Welt betrachtet wird" (Nassehi 2000, S.101). In diesem Verständnis von Wissen, das auf Perspektivendifferenzen in mehrwertigen Bedeutungsräumen verweist, tritt das Subjekt in den Mittelpunkt, das im universalistischen Wissensmodell als Störgröße außen vor bleibt (weil es ja nur um die wahre Repräsentation geht). Wissen lässt sich nach diesem Verständnis nicht mehr universalistisch fassen, sondern mit den unterschiedlichen Voraussetzungen und Wissensformen kann nur mehr reflektiert umgegangen werden.

Wissen umfasst Aussagen in Form theoretischer Erklärungen und mit ihnen verbundene Geltungsansprüche. Wissen ist immer in Bedeutungshorizonte, d.h. in bestimmte Wertvorstellungen und Interessen eingebunden. Ein gesellschaftliches Phänomen kann aus den unterschiedlichsten Perspektiven beschrieben, erklärt, gewusst werden. Wissen ist uneindeutig. Auf die gleiche Frage gibt es unterschiedliche Antworten, z.B. eher wissenschaftliche und eher alltägliche Antworten, die allerdings jede für sich nicht beliebig sind.

Insofern ist Wissenserwerb und Lernen keine einfache kognitive Operation aus Vorwissen, Vergleich und Anpassung. Wissen beinhaltet immer schon die Geltung von Erklärungszusammenhängen, die durch Wertvorstellungen und Interessen - eben von Bedeutungskontexten - gerahmt sind. Wissen ist in Bedeutungshorizonte eingebettet. Damit stellt sich für die Lernberatung nicht die Frage nach wahrem Wissen, sondern nach dem Umgang mit der Verwendungsproblematik gesellschaftlichen Wissens (Dewe 1999, S. 41). Im Mittelpunkt der Lernberatung steht die Frage, welches Wissen vor dem Hintergrund bestimmter subjektiver Interessen sowie subjektiver Sinn- und Bedeutungshorizonte aufgegriffen und welches Wissen gesellschaftlich ausgegrenzt wird.

Wer lernt stellt damit immer zugleich für sich selbst subjektiv Geltendes in Frage. Der Lernprozess ist so gesehen ein vom lernenden Subjekt geführter Prüfprozess, der überprüft ob überhaupt und wenn ja welche bestehenden Bedeutungshorizonte mit neuen Bedeutungshorizonten zu erweitern bzw. zu differenzieren sind. Für eine subjektwissenschaftliche Didaktik steht damit die zentrale Frage im Raum, welches Wissensangebot für ein subjektiv begründetes Lernhandeln lernförderlich ist. Diese Frage gilt es für den Pädagogen über professionelle Verstehensprozesse zu beantworten.

Literatur:

  • Dewe, B. (1999): Lernen zwischen Vergewisserung und Ungewißheit. Opladen.
  • Nassehi, A. (2000): Demokratie auf der Datenautobahn. In: Mandl, H./Reinmann-Rothmeier, G. (Hrsg.): Wissensmanagement. Informationszuwachs - Wissensschwund? Die strategische Bedeutung des Wissensmanagements. München/Wien: Oldenbourg, S. 99-113.
  • Nassehi, A. (2000a): Was wissen wir über das Wissen? Vortrag auf dem Symposium Szenarien der Wissensgesellschaft. München.

 

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