Projekt be-online und virtuelles Medium

Aus subjektwissenschaftlicher Sicht erscheint der virtuelle Raum als Bildungsraum geeignet, weil die Besonderheit der Lernbegründungen des einzelnen Lerners bildungspraktisch aufgegriffen und mit dem kooperativen Lernzusammenhang der Teilnehmer im Bildungsforum verknüpft werden kann. Die subjektwissenschaftliche Begründung stützt sich also nicht auf die Singularität der Lernsituation vor dem PC und der damit verbundenen sogenannten Selbstorganisation, sondern auf den Umstand, dass Lernprozesse immer subjektiv besondere Lernprozesse und Differenzierungsleistungen darstellen, die in ihrer Besonderheit zu verstehen sind und nur in ihrer Besonderheit unterstützt und beraten werden können.

Diese Besonderheit wiederum ist als Binnenperspektive nur in ihrem gesellschaftlich-sozialen Zusammenhang, d.h. in Differenz zu möglichen anderen Perspektiven/Gegenhorizonte verstehbar, wie er im kooperativen Lernzusammenhang des virtuellen Raums möglich ist: Im Rahmen von Multiperspektivität durch die Erschließung von Gegenhorizonten, in denen die Besonderheit des Einzelfalls in "anderem Licht" erscheint. Voraussetzung dazu ist Inter-Subjektivität, sprich Mitlernende, die ihr Wissen und ihre Erfahrung, ihre Subjekt-Sein, zur Verfügung stellen. Selbstverständigung ereignet sich in diesem sozialen Rahmen.

Der virtuelle Bildungsraum bietet mit seinen Charakteristika Textualität und Konnektivität (verstanden als Netzwerk von Kommunikationen und verflochtenen Argumenten) günstige Voraussetzungen für diese Selbstverständigungs- und Verstehensprozesse. Die schriftliche Form und die Asynchronität des Internets unterstützen die distanzierte Reflexion und Rekonstruktion von Bedeutungshorizonten und fördern dadurch die Vielfalt an Perspektiven auf die Fallerzählung. Die Textform von Fallerzählungen kann für Verstehensprozesse, vergleichbar mit Interviewtranskriptionen im Rahmen der qualitativen Sozialforschung genutzt werden: Begründungen und Bedeutungshorizonte lassen sich in wiederholter und distanzierter Weise reflektieren. Im sprachlichen Medium des Präsenzseminars fällt es dagegen oft schwer, die eingebrachten Bedeutungshorizonte der Lernenden ad hoc zu interpretieren und in ihrer Relevanz zu selektieren. Selbstdifferentialität findet auf diese Weise im virtuellen Raum eine neue Modalität (vgl. Westphal 2002).

Literatur:

  • Ludwig, J.: Lehr-, Lernprozesse in virtuellen Bildungsräumen: vermitteln - ermöglichen - verstehen. In: Arnold, R./Schüßler, I. (Hrsg.): Ermöglichungsdidaktik in der Erwachsenenbildung. Hohengehren: Schneider Vlg. 2003.
  • Westphal, K.: Grundlegende bildungsphilosophische Überlegungen zu einer Theorie der medialen Erfahrung und Bildung. In: Bauer u .a. (Hrsg.): Weltzugänge: Virtualität Realität Sozialität. Jahrbuch für Bildungs- und Erziehungsphilosphie 4. Hohengehren 2002, S. 97-116.

 

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