Projekt be-online und erwachsenenpädagogische Didaktik

Die Einheit des Lehr-, Lernverhältnisses als der zentrale gemeinsame Bezugspunkt von Lehrendem und Lernendem wird als "Lehr-Lern-Kurzschluss" (Holzkamp 1996) prinzipiell aufgegeben. Die Lerninteressen des Lernenden und die Lehrinteressen des Lehrenden werden als grundsätzlich different betrachtet. Die Lernerperspektive wird konzeptionell nicht "neben" die Lehrerperspektive gestellt, sondern als gegenüber der Lehrerperspektive handlungslogisch grundsätzlich differente und subjektiv besondere Lernerperspektive verstanden. Das gemeinsame Lehr-Lernverhältnis wird also nicht vorausgesetzt, sondern als prinzipiell different angenommen, das als ein empirisches Verhältnis zuallererst zu verstehen und bildungspraktisch zu konstituieren ist. Wenn die Logiken und Sinnperspektiven von Lehrenden und Lernenden different sind, verweist der Begriff "Perspektivenwechsel" im didaktischen Handeln auf einen durchzuführenden Wechsel der Perspektiven vom Lehrenden hin zur besonderen subjektiven Perspektive des Lernenden. Der didaktische Perspektivenwechsel vom Vermittlungsstandpunkt des Lehrenden zum Lernerstandpunkt erfordert wissenschaftlich einen empirisch-sinnverstehenden Zugang zum Lehr-, Lernverhältnis aus der Sinnperspektive des Lernenden heraus. Um den Eigensinn und die Interessen der Lernenden stärker in den Mittelpunkt zu rücken gilt es, die Binnenperspektive des lernenden Subjekts als eine fremde, eigensinnige Bedeutungsperspektive einzunehmen und zu verstehen.

Klaus Holzkamp hat eine subjektwissenschaftliche Lerntheorie vorgelegt, die diesen empirischen und verstehenden Zugang zum Lernenden über Bedeutungs-Begründungs-Analysen ermöglicht. Holzkamp begreift Lernen als Erweiterung der individuellen Handlungsfähigkeit durch die Realisierung gesellschaftlicher Bedeutungen/Handlungsmöglichkeiten (1987, S.29) im Unterschied zu Deutungen. Für Holzkamp ist "Deuten" Ausdruck eingeschränkter und gegenüber den gesellschaftlichen Bedeutungskonstellationen in fixierter Unmittelbarkeit verhaftete Handlungsfähigkeit (vgl. Holzkamp 1983, S.388). Deuten beschränkt sich auf die unmittelbare individuelle Existenz und bezieht sich nicht auf den gesellschaftlichen Zusammenhang in Form der Teilhabe am gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozeß. Der Bedeutungshorizont des Subjekts ist demgegenüber gesellschaftlich vermittelt. Lernen wird nicht als Deutung und Differenzierung von Deutungen im Sinne einer selbstreferentiellen Äußerung verstanden, sondern als Differenzierung von Bedeutungen im Rahmen individueller und gesellschaftlicher Lebenssicherung. Der Lernende wird als selbstdifferentielles Subjekt verstanden. Die Bedeutungsdifferenzierungen in der Lernhandlung sind insofern erst empirisch in einer Bedeutungs-Begründungs-Analyse zu rekonstruieren.

Die Binnenperspektive des Pädagogen ist von der Innenperspektive des Subjekts zu unterscheiden (vgl. zur Differenz von Binnen- und Innenperspektive Kellner/Heuberger 1999, S. 82). Der Zugang des Pädagogen zum Standpunkt des Subjekts bedarf mehr als die dem Subjekt verfügbare Innenperspektive. Erforderlich werden Zeugnisse und Protokolle des sozialen Handelns, in das die Subjekte verstrickt sind. In der Bildungspraxis wird dies über Fallerzählungen und den mit ihnen verbundenen Gegenhorizonten der anderen Teilnehmer im kooperativen Lernprozess hergestellt. Die Übersetzbarkeit differenter Sinnbezüge ist dadurch möglich.

Literatur:

  • Holzkamp, K.: Grundlegung der Psychologie. Frankfurt/New York 1983.
  • Holzkamp, K.: Lernen und Lernwiderstand. Skizzen zu einer subjektwissenschaftlichen Lerntheorie. In: Bildungsforum Kritische Psychologie 20 (1987), S. 5-36.
  • Holzkamp, K.: Wider den Lehr-Lern-Kurzschluß: Interview zum Thema 'Lernen'. In: Arnold, R. (Hrsg.): Lebendiges Lernen. Baltmannsweiler 1996, S. 21-30
  • Kellner, H./Heuberger, F.: Die Einheit der Handlung als methodologisches Problem. In: Hitzler, R./Reichertz, J./Schröer, N. (Hrsg.): Hermeneutische Wissenssoziologie. Konstanz 1999, S. 71-96.

 

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