Lernen in wirklichen und virtuellen Räumen

Online-Fallberatung in virtuellen Bildungsräumen unterscheidet sich von der Fallbearbeitung in der Präsenzsituation des Seminarraums in vielerlei Hinsicht grundlegend.

Erstens hinsichtlich des Verhältnisses von Alltag und Lernen.
In der Präsenzsituation reflektiert und lebt die Gruppe gemeinsam in einer Bildungsstätte. Die Bildungsstätte steht in deutlicher Distanz zu den Anforderungen des Alltags: zu Beruf, Familie und zum sozialen Umfeld. Die Fallbearbeitung im Bildungsforum verläuft dagegen parallel zum Alltag mit dessen eigenen Relevanzen. Oft wird die Handlungsproblematik des Fallerzählers von aktuellen Handlungsproblematiken der Bildungsforumsteilnehmer so überlagert, dass diese sich für eine gewisse Zeit nicht mit der Fallbearbeitung beschäftigen können: der Alltag überlagert dann Lernen.

Zweitens finden sich Unterschiede in der Kooperation der Lerngruppe und im didaktischen Setting.
Um die individuellen Reflexionen auf den jeweiligen Fall wechselseitig im Gruppenzusammenhang zu koordinieren und den Verstehensprozess nicht durch einzelne Beiträge in unerwünschter Weise abzukürzen, wird der Gesamtprozess der Fallbearbeitung in der Präsenzsituation feingliedrig in zehn Schritte zerlegt und einzeln von der Fallberaterin eingeleitet. Eine Fallbearbeitung im Präsenzseminar dauert ca. einen Tag.

Die Online-Fallberatung erfolgt zwar ebenfalls gemeinsam in einer Gruppe, aber in einer umfassend individualisierten Weise. Die einzelnen Teilnehmer besitzen zeitliche Spielräume in den drei Arbeitskomplexen und können individuell entscheiden, wann sie sich an der Online-Fallberatung beteiligen. Die Bearbeitung muss weniger synchron in der Gruppe erfolgen. Der Einzelne nimmt die Beiträge der Anderen wahr, bezieht sie in seine Reflexion ein und entscheidet selbst, wie weit er seinen Verstehensprozess im jeweiligen Arbeitskomplex voran treiben möchte. Die ersten beiden Arbeitskomplexe dauern je eine Woche, der dritte Arbeitskomplex zwei Wochen.

Drittens unterscheidet sich der virtuelle Raum bezüglich des Anerkennungsverhältnisses innnerhalb der Lerngruppe.
Nach den bisherigen Erkenntnissen im Projekt be-online gelingt das virtuelle didaktische Setting nur, wenn sich vorher in einer Präsenzsituation Anerkennungsbeziehungen zwischen den Teilnehmern entwickeln konnten. Die hier erforderlichen Anerkennungsbeziehungen lassen sich im virtuellen Bildungsraum wahrscheinlich nicht in der adäquaten Notwendigkeit entwickeln. Die vom Teilnehmerkreis her geschlossenen Lerngruppen konstituieren sich in Präsenzseminaren, in denen auch die gemeinsame Arbeitsweise erlernt wird. Anerkennung hat im Bildungsforum eine soziale und eine inhaltliche Seite.

Der kooperative Lernzusammenhang ist erstens nur solange gegeben, wie je ich an der Handlungsproblematik der anderen interessiert bin und umgekehrt. Und zweitens nur solange, wie gemeinsame Lernaspekte von den Teilnehmern des Bildungsforums identifiziert werden können.

Mit anderen Worten: Die Antwort auf die Frage "Gibt es in dieser Fallbearbeitung für mich etwas zu lernen?" muss von jedem einzelnen Teilnehmer positiv antizipiert werden können. Ist dies für den einzelnen Teilnehmer nicht mehr der Fall, löst sich für ihn der Lernzusammenhang (zumindest für diese Fallbearbeitung) auf.

Die Phänomene Teilnehmerschwund und Passivität (Lurkerproblem), die im Zusammenhang kognitionstheoretischer oder konstruktivistischer E-Learning-Konzepte als Probleme der Selbstdisziplinierung bzw. des Selbstmanagements diskutiert werden, werden hier unter dem Aspekt differenter Relevanzen der Teilnehmer im Lernzusammenhang interpretiert.

Die Frage der Anerkennung ist im Bildungsforum stärker virulent als in der Präsenzsituation. Wenn niemand einen Beitrag auf je meine Erzählung oder meine Interpretation in das Bildungsforum einstellt, fehlt mir jeder soziale Bezug. Beim Schweigen im Seminarraum sind immer noch Körper mit Gesten und Mimiken als Bezugspunkte anwesend. Teilnehmer, die sich mit ihren Beiträgen allein gelassen fühlen, fragen im Bildungsforum z.B. "Wo seid ihr? Das kommt mir hier etwas gespenstisch vor!" und fragen so nach der Bedeutsamkeit ihrer Beiträge für die anderen Teilnehmer.