Kommunizieren in virtuellen Räumen

Die Schriftlichkeit des Mediums erlaubt es, Aussagen in reflektierter Weise darzustellen und wiederholt zu lesen. Dies birgt zugleich den Nachteil, dass die Spontaneität des Redeflusses und des damit einhergehenden Erzählzwangs leidet. Die Fallberaterin und alle Teilnehmer haben durch die Textdokumentation Gelegenheit, verschiedene Lesarten der Geschichte durch zu spielen. Sie können versuchen, die Bedeutungshorizonte des Fallerzählers differenziert zu erschließen.

Im Unterschied zur Präsenzsituation reflektiert der einzelne Teilnehmer im virtuellen Raum allein und muss sich nicht dem Gruppentempo anpassen. Zugleich kann er sich aber von den Interpretationen der anderen Gruppenmitglieder anregen lassen. Im Unterschied zur Präsenzsituation, in der Teilnehmer zugleich reflektieren und zuhören müssen, können ausgewogenere Interpretationen und umfassendere Vergleiche im Textmaterial die Folge sein.

Parallel zu der Textbearbeitung wird die Online-Fallberatung unterstützt durch die Kommunikation in Diskussionsforen, die individuelle Vergleichs- und Verstehensprozesse als kooperatives Geschehen ermöglichen. Die Kommunikationsstruktur unterscheidet sich jedoch nicht nur durch die Textualität von den realen Präsenzdiskussionen. Diese sind durch ihre chronologische Sequentialität charakterisiert: wechselnde Gesprächspartner entwickeln dabei einen sequentiellen Argumentationsstrang. Der Kommunikationsreichtum schöpft aus der Unmittelbarkeit der Kommunikationsakte, aus Gestik, Betonung und Blickkontakten (vgl. Apel, Heino: Lernen in virtueller Kommunikation. In: Der pädagogische Blick (2002/3) S. 141).

Die Bildungsforumsdiskussionen im virtuellen Raum sind durch Nichtlinearität und Multiperspektivität gekennzeichnet. Statt chronologischer Sequentialität herrscht der Charakter unterschiedlicher, oft unverbundener Perspektiven auf eine ausgewählte Situation vor. Die Argumente werden weniger linear also vielmehr sternförmig aneinander gereiht. Statt der geteilten Erfahrung einer gemeinsamen Diskussionsentwicklung mit ihrer Dramaturgie (a.a.O., S.145) wächst das Situationsverständnis über die individuelle Interpretation der Diskussionsbeiträge, die gleichwertig nebeneinander stehen. Vielfalt wird so befördert, Durchsetzungszwänge gegenüber abweichenden Interpretationen sind reduziert. Der verstehende Zugang zum Fall und seinen möglichen Bedeutungs-Begründungs-Horizonten wird auf diese Weise unterstützt.

In Präsenzsituationen müssen der Fallberaterin Erklärungsmodelle als neues Wissen so unmittelbar verfügbar sein, dass sie mit dem Fall verwoben werden können, mit ihnen der Fall "erhellt" werden kann. In der Online-Fallberatung steht demgegenüber mehr Zeit zur Verfügung, um erschöpfendere und gegebenfalls auch angemessenere Erklärungsmodelle zu entwickeln, sie anschaulich in den Fall zu integrieren oder unter Umständen auch Experten zu Rate zu ziehen. Die Selbstverständigungsversuche der Teilnehmer werden also von der Seite des angebotenen Wissens her besser unterstützt als in Präsenzsituationen.

Andererseits werden die individuellen Selbstverständigungsversuche der Teilnehmer unter dem Aspekt ihrer selbstkritischen Darstellung und interaktiven Überprüfung erschwert. Die Prüfung, ob je mir mit dem angebotenen neuen Wissen eine Erfolg versprechende erweiterte Situationsinterpretation möglich ist, wird im virtuellen Raum von den Teilnehmern eingeschränkt erlebt. In Präsenzsituationen kann ich meine neue Situationsinterpretation den anderen Teilnehmern prüfend anbieten und in kurzen Diskussionssequenzen auf Nachfragen hin erläutern, korrigieren, neu zusammenfügen. In der schriftlichen Bildungsforumsdiskussion neigen die schriftlichen Beiträge zu einer abschließenden Form und zu thematischer Komplexität statt Differenz. Die individuellen Ausdifferenzierungsmöglichkeiten der neuen Einsichten erscheinen zunächst eingeschränkt.

Die Integration des neuen Wissens in die Bedeutungshorizonte der Teilnehmer gelingt bei der Bearbeitung von Online-Fällen weit genug, um dem Fallerzähler eine Vielfalt möglicher Handlungswege aus der je individuellen Sicht der Teilnehmer mitgeben können. Wissenstransfer findet damit statt als - individuell unterschiedlicher - Transfer neuen Wissens in eine differenziert verstandene besondere Handlungssituation. Mit diesem Transfer verbunden ist die Erarbeitung neuer Handlungsoptionen für den besonderen Fall.